20.06.2016 — Pemba. Es ist ein sonniger Samstag, kurz nach 14:00 Uhr. Moses Kasoka sitzt in einem Rollstuhl vor seiner mit Stroh bedeckten Lehmhütte, die ihm sowohl als Küche als auch als Schlafzimmer dient. Kasoka ist seit Geburt körperlich behindert. Er ist auf Almosen angewiesen, um zu überleben. Mit Strom wäre das anders, ist er überzeugt.

“Ich weiß, was Elektrizität leisten kann – vor allem für Menschen in meinem Zustand”, meint Kasoka. Der 51-Jährige hat einen konkreten Traum: “Ich möchte eine Geflügelzucht betreiben, die mir ein Einkommen sichert.” Doch von seiner Selbständigkeit wird Kasoka wohl noch weiter träumen müssen. Er zündet jeden Tag in seiner Hütte ein Feuer an, auf dem er die kargen Mahlzeiten kocht und das ihn während der Nacht wärmt.

Einen Kilometer von Kasokas Hütte entfernt befindet sich die Milchsammelstelle für den Bezirk Pemba im südlichen Simbabwe. Die Leiterin, Phinelia Hamangaba, trägt die Verantwortung dafür, dass die Milch von mehr als 100 Bauern nicht sauer wird. Insgesamt liefert die Sammelstelle pro Tag 1.060 Liter Milch an Parmalat Sambia.

Die Frischhaltung der Milch ist angesichts der Umstände keine leichte Aufgabe. Es kommt häufig zu Stromausfällen, ein Notstromaggregat gibt es nicht. “Die Stromversorgung ist unsere große Herausforderung”, erklärt Hamangaba. “Aber in den meisten Fällen werden wir informiert, bevor es zu einer Unterbrechung kommt. Wir sind also meistens vorbereitet.”

Dennoch gibt es Tage, an denen die Milch aufgrund von fehlender Elektrizität zu gären beginnt. “Die Bauern verstehen aber, dass es in der Wirtschaft Gewinn und Verlust gibt”, meint Hamangaba. “In diesen Fällen müssen sie ihre bereits fermentierte Milch zurücknehmen.”

Dürre führt zu Energieknappheit

Die Milchgenossenschaft in Pemba ist nur einer von vielen Betrieben, die mit den landesweiten Stromrationierungen zu kämpfen hat. Aufgrund der schwachen Niederschläge der letzten beiden Regenzeiten führen die Flüsse wenig Wasser. Die Staustufen des Landes können deshalb nicht ausreichend Energie produzieren.

Laut einem Bericht der Economist Intelligence Unit (EIU) könnte es Jahre dauern, um das Leistungsdefizit wieder zu korrigieren. Vor allem die Kariba-Talsperre am Sambesi zwischen Samibia und Simbabwe dürfte in den letzten 15 Monaten weit mehr Wasser verbraucht haben als vorgesehen. Der EIU-Bericht hebt hervor, dass der Wasserstand des Staubeckens im Februar nur noch 1,5 Meter über jenem Niveau lag, die eine komplette Stilllegung des Betriebs erforderlich gemacht hätte.

Obwohl die Regenzeit mittlerweile zu einer leichten Erholung geführt hat, liegt der Wasserstand dennoch weit unter dem gewohnten Niveau. Im März 2015 war der Speicher zu 49 Prozent gefüllt, ein Jahr später waren es nur 17 Prozent. Damit sich der Stausee erholen kann, braucht es nun ein paar starke Regenzeiten und eine gemäßigte Wassernutzung durch das Kraftwerk.

645 Millionen Menschen ohne Strom

Das Beispiel zeigt, wie eng Klimawandel, Energieversorgung und wirtschaftlicher Fortschritt zusammenhängen. Verschärft wird die Situation dadurch, dass arme Menschen wie Kasoka auf kohlenstoffintensive Energieträger zurückgreifen müssen. Laut vorliegenden Statistiken geben 138 Millionen arme Haushalte in Afrika jährlich zehn Milliarden US-Dollar für Energie in Form von Kohle, Kerzen, Kerosin oder Brennholz aus.

Afrikanischen Politikern scheint bewusst zu sein, dass dieser Teufelskreis durchbrochen werden muss. “Wir haben die Armut und den fehlenden Zugang zu Energie satt”, sagte Ruandas Präsident Paul Kagame beim Treffen der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) in Lusaka. “Wir müssen beiden Probleme parallel bekämpften.”Erneuerbare Energien könnten dabei nur einen Teil des Bedarfs decken, ergänzte er. Insgesamt haben 645 Millionen Menschen in Afrika keinen Zugang zu Strom – das ist mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung des Kontinents.

Abkehr von fossiler Energie, sonst …

Der ehemalige UN-Generalsekretär Kofi Annan ist aber überzeugt, dass Afrika einen anderen Weg gehen muss. Annan führt den Vorsitz im Africa Progress Panel (APP), das unlängst den Bericht Power, People, Planet: Seizing Africa’s Energy and Climate Opportunities veröffentlicht hat. Der Report rät zu einer völligen Abkehr von fossiler Energie, um eine Klimakatastrophe für die Erde abzuwenden. “Wir können die Energieerzeugung ausbauen und einen Energiezugang für alle Menschen erreichen, wenn wir auf jene neuen Technologien setzen, die Energiesysteme auf der ganzen Welt verändern”, meint Annan.

Das APP hält aber fest, dass die derzeitigen internationalen Finanzierungsmechanismen eine Energiewende in Afrika nicht unterstützen würden. Bei der Afrikanischen Entwicklungsbank glaubt man aber, dass das Problem durch eine Umschichtung der Steuereinnahmen gelöst werden könnte. AfDB-Präsident Akinwumi Adesina rechnet vor: “Afrika sammelt pro Jahr an Steuern in der Höhe von 545 Milliarden US-Dollar ein. Wenn zehn Prozent davon für Strom eingesetzt werden, ist das Problem gelöst.”

Ein weiterer Mechanismus wäre eine andere Verteilung des Bruttoinlandsprodukts (BIP). “Der Anteil des Energiesektors am BIP beträgt 0,49 Prozent”, erklärt Adesina, der in den Jahren 2010 bis 2015 Landwirtschaftsminister in Nigeria war. “Bei einer Erhöhung auf 3,4 Prozent würden sofort 51 Milliarden US-Dollar zur Verfügung stehen.” Adesina fordert auch die Eindämmung der illegalen Geldflüsse aus Afrika, die dem Kontinent rund 60 Milliarden US-Dollar pro Jahr kosten würden.

… wird es kein Morgen geben

Moses Kasoka wartet im Süden Samiba weiterhin darauf, dass er irgendwann einen Stromzugang erhalten wird, um seinen Traum von der eigenen Geflügelzucht zu realisieren. Zumindest hat in der Regierung ein Umdenkprozess stattgefunden. Präsident Edgar Lungu möchte die klaffende Versorgungslücke mit 600 Megawatt Solarstrom schließen. Anlagen mit einer Gesamtkapazität von 100 Megawatt sind bereits im Bau.

Der südafrikanische Nobelpreisträger Desmond Tutu fasst in dem APP-Bericht zusammen, was auf dem Spiel steht: “Wir müssen die halbherzigen Teillösungen endlich beenden. Wir können nicht noch länger unsere Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen fördern als ob es kein Morgen gäbe. Denn dann wird es kein Morgen gäben. Wie brauchen dringend einen globalen Umstieg auf eine neue und sichere Energiewirtschaft.” (afr/IPS)

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