06.07.2017 — Adinbried (IPS/afr). Das 14-jährige Mädchen aus Eritrea trägt ein Plastiktüte bei sich. Darin befinden sich ein paar Kleidungsstücke, ein Trinkbecher und eine kleine Taschenlampe, deren Batterien fast am Ende sind. Am Abend zuvor hat sie mit vier Männern, zwei Frauen und fünf jüngeren Kindern die Grenze nach Äthiopien überschritten.

Soldaten haben die Gruppe aufgelesen und in die Stadt Adinbried gebracht. Adinbried ist einer von zwölf Registrierungsstellen an der Grenze zu Eritrea. Für die Flüchtlinge markiert die Stadt den Beginn eines bürokratischen und logistischen Förderbandes. Nachdem der Asylstatus an Ort und Stelle geklärt wurde, werden die Flüchtlinge aus Eritrea in eines von vier Lagern in der Tigray-Region gebracht.

“Vor vier Tagen sind wir in Asmara aufgebrochen”, erzählt ein 31-jähriger Mann aus der Gruppe über die Flucht aus der eritreischen Hauptstadt, die etwa 80 Kilometer nördlich der Grenze liegt. “Wir sind pro Nacht zehn Stunden gereist und haben während des Tages in der Wüste geschlafen.”

Allein im Februar 2017 sind 3.367 Flüchtlinge aus Eritrea nach Äthiopien gekommen, besagt die offizielle Statistik der äthiopischen ‘Administration for Refugee and Returnee Affairs’ (ARRA). Laut Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) halten sich derzeit rund 165.000 Flüchtlinge und Asylsuchende aus Eritrea in Äthiopien auf.

“Wir sind schließlich dasselbe Volk”

Die Politik der offenen Tür steht im krassen Gegensatz zu den Migrationsstrategien, die von westlichen Gesellschaften verfolgt werden. Die Haltung der äthiopischen Regierung ist angesichts der anhaltenden Spannungen mit dem Nachbarland umso bemerkenswerter.

“Wir machen einen Unterschied zwischen der Regierung und den Menschen”, sagt Estifanos Gebremehdin von der ARRA. “Wir sind schließlich dasselbe Volk, wir haben dasselbe Blut und dieselben Großväter.”

Bevor Eritrea nach einem dreißigjährigen Krieg im Jahr 1993 die Unabhängigkeit erlangte, war das Land die nördlichste Region von Äthiopien. Mit Tigrinya sprechen viele Menschen auf beiden Seiten der Grenze dieselbe Sprache, auch gehören sie derselben orthodoxen Religion an und leben dieselben kulturellen Traditionen.

Gräueltaten der eritreischen Regierung

Das Shimelba Camp wurde bereits im Jahr 2004 eröffnet und ist das älteste der Flüchlingslager. Es beherbergt heute mehr als 6.000 Menschen. Etwa 60 Prozent der Bewohner sind Kunama, einer von neun Ethnien in Eritrea. Der traditionelle Lebensraum der Kunama ist das Hochland in Süderitrea. Durch die Umsiedlungspolitik der eritreischen Regierung haben viele ihre Heimat verloren.

“Ich habe kein Interesse daran, in andere Länder zu gehen”, sagt der Kunama Nagazeuelle, der seit 17 Jahren in Äthiopien lebt. “Ich brauche mein Land. Wir hatten reichen und fruchtbaren Boden, aber die Regierung hat ihn uns weggenommen. Wir waren keine gebildeten Leute, also haben sie uns ausgesucht. Ich bin ein Beispiel für die ersten Flüchtlinge aus Eritrea, aber jetzt kommen Leute aus allen neun ethnischen Gruppen.”

Im Shimelba Camp kursieren viele Erzählungen über die Gräueltaten der eritreischen Regierung. Sie reichen von Vorwürfen des Völkermordes gegen die Kunama inklusive Massenvergiftungen bis hin zu Geschichten über Regierungsbeamte, die auf dem lokalen Markt einkaufen gingen, und bei Unstimmigkeiten über die Preis die Ladeninhaber erschossen.

“Abgesehen von den USA, Kanada und Äthiopien hat uns die Welt vergessen”, meint Haile, der vor fünf Jahren nach Äthiopien gekommen ist. Der 55-Jährige erzählt, dass sein Vater und sein Bruder im Gefängnis gestorben sind. “Was hier geschieht ins unbeschreiblich, es ist eine tiefe Krise – aber warum verhält sich die internationale Gemeinschaft still?”

UN-Bericht attestiert Verbrechen gegen die Menschlichkeit

Ein Bericht der Vereinten Nationen aus dem Vorjahr hat die Menschenrechtslage analysiert und der Regierung Eritrees Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Diesem Bericht wurde Einseitigkeit vorgeworfen, weil er die Fortschritte in Bereichen wie Gesundheitsversorgung und Bildung nicht anerkannt und die negative Wahrnehmung in Politik und Medien weiter verschärft hätte.

Dawit, der seit acht Jahren im Shimelba Camp lebt, kann der Kritik an dem Bericht nichts abgewinnen. “Es ist wahr, nichts ist übertrieben”, sagt er, “in unserem Lager gibt es Opfer von Vergewaltigung, Folter und Gefängnisstrafen, die den Wahrheitsgehalt bezeugen können.”

Etwa 50 Kilometer südlich von Shimelba liegt Hitsats, das jüngste und größte der vier Lager. Es beherbergt 11.000 Flüchtlinge, von denen etwa 80 Prozent unter 50 Jahre alt sind.

“Im Sudan gibt es mehr Probleme, hier können wir friedlich schlafen”, erzählt die 32-jährige Ariam, die vor vier Jahren mit ihren beiden Kindern nach Hitsats gekommen ist. Zuvor hatte sie vier Jahre in einem Flüchtlingslager im benachbarten Sudan verbracht. In Hitsats wird erzählt, dass das eritreische Militär Missionen in den Sudan unternimmt, um Flüchtlinge wieder einzufangen.

Hohe Aufnahmebereitschaft

Neben den Flüchtlingen aus Eritrea beherbergt Äthiopien auch eine große Anzahl von Menschen aus anderen Krisenstaaten. Die Bevölkerungszahl von Äthiopien liegt deutlich über 100 Millionen Menschen, darunter befinden sich bereits 800.000 Flüchtlinge. Mit einem Wirtschaftswachstum von acht Prozent gilt Äthiopien als die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft in Afrika.

Experten vermuten hinter der hohen Aufnahmebereitschaft verschiedene Gründe. Äthiopien glaubt stark daran, dass die großzügige Aufnahme von Flüchtlingen die regionalen Beziehungen verbessern wird”, erklärt Jennifer Riggan, Assiststenzprofessorin für internationale Studien an der Arcadia University in Glenside bei Philadelphia.

Andere Beobachter weisen darauf hin, dass es wohl auch um viel Geld geht. Wie beim Abkommen mit der Türkei bekommt Äthiopien aus Europa zunehmend finanzielle Unterstützung, um die Flüchtlinge innerhalb der Landesgrenzen zu halten.

Gegenseitiges Misstrauen

Dennoch klappe das Zusammenleben nicht immer reibungslos, meint die Anthropologin Milena Belloni: “Die Menschen anerkennen die gemeinsame Kultur und den gemeinsamen ethnischen Hintergrund. Das ist sehr hilfreich. Aber es gibt wegen des dreißigjährigen Krieges immer noch Misstrauen.”

Historisch hätten die Eritreer auf die Tigrayer herunter gesehen, weil diese sich in Eritrea während der italienischen Kolonialzeit als Wanderarbeiter verdingt hätten, so Belloni. Die Tigrayer hingegen würden die Eritreer als arrogant und distanziert beschreiben.

In jedem Fall aber könnte Äthiopiens Politik der offenen Tür ein Rezept für den zukünftigen Umgang mit Flüchtlingen auch im Westen sein. Jennifer Riggan von der Arcadia University: “Äthiopiens Antwort ist, das Tor zu kontrollieren und herauszufinden, wie das Land von den unvermeidlichen Menschenströmen profitieren kann. Ich bin definitiv der Meinung, dass dieser Ansatz der klügere und realistischere Zugang ist.”

Anhaltender Konflikt um das Yirga-Dreieck

Etwa 16 Kilometer nördlich von Adinbried überwachen die Streitkräfte von Äthiopien und Eritrea die Grenze. Durch ihre Ferngläser können sie verfallene militärische Stellungen beobachten, die an einen zweijährigen Krieg zwischen den beiden Ländern erinnern.

Die Folgen des Eritreisch-Äthiopischen Krieges von 1998 bis 2000 gelten heute noch als einer der Hauptursachen für die Flucht. Im Jahr 1998 war Eritrea in die kleine Grenzstadt Badme eingefallen. Von dort bahnten sich die Streitkräfte ihren Weg nach Süden und besetzten das 400 Quadratkilometer große Yirga-Dreieck.

Nach einer Großoffensive im Jahr 2000 konnte die äthiopische Armee das Grenzgebiet zurückgewinnen, der Krieg kostete aber zigtausenden Menschen ihr Leben. Beide Länder wurden aufgrund der hohen Rüstungsausgaben weit in ihrer wirtschaftlichen Entwikcklung zurückgeworfen.

Nach dem Waffenstillstand sprach die internationale Grenzkommission im Jahr 2002 Badme und das Yirga-Dreieck Eritrea zu. Nichtsdestotrotz hält Äthiopien die Region bis heute besetzt. Internationale Beobachter fürchten, dass es zu einem erneuten Aufflammen der Gewalt kommen könnte.

Unbefristeter Militärdienst als Fluchtursache

Die beiden Staaten stehen sich nach wie vor feindlich und hochgerüstet gegenüber. Eritrea hat als Folge des Krieges einen unbefristeten Militärdienst eingeführt, zu dem alle Schulabgänger eingezogen werden. Obwohl der Grundwehrdienst offiziell auf 18 Monate beschränkt ist, kann er ohne Angabe von Gründen auf unbestimmte Zeit verlängert werden.

Heute kommen viele junge Eritreer über die Grenze in Badme, um den Militärdienst zu entkommen. “Als ich gehört habe, die sie Menschen zum Militär einziehen, bin ich über die Grenze geflohen”, erzählt der 20-jährige Gebre im Registrierungsstelle nahe Badme. “Ich wollte das nicht durchmachen – du bist hungrig, du kriegst kein Gehalt und du tust nichts, um deinem Land zu helfen.”

Mit Gebre sind weitere 14 Männer im Alter von 16 bis 20 Jahren geflohen, um den Militärdienst zu entgehen. Mit ihnen kamen auch zwei Mütter mit jeweils zwei Kleinkindern. Die 34-jährige Samrawit musste zwei ihrer vier Kinder in Eritrea zurücklassen. “Das Leben wurde immer schlimmer. Ich hatte keine Arbeit und konnte kein Geld verdienen, um meine Kinder zu ernähren.”

Samrawit reiste mit der 22-jährigen Yordanos, die sie in der eritreischen Stadt Barentua getroffen hatte. Die Stadt, die etwa 50 Kilometer nördlich der äthiopischen Grenze liegt, gilt als Zentrum für Menschenschmuggler. Samrawit und Yordanos wissen nicht, wieviel Geld die Schmuggler für ihre Dienste kassiert haben. Die Bezahlung wurde von ihren Ehemännern organisiert, die in der Schweiz und in Holland leben. (Ende)

Themen zu diesem Beitrag: