07.06.2018 — New York (AR/afr). Von 2003 bis 2005 war Generalleutnant Daniel Opande der Befehlshaber der Friedenstruppen der UN-Mission in Liberia (UNMIL). Der Offizier der “Kenya Defence Forces” hat im Jahr 2004 die Anführer der Kriegsparteien dazu gebracht, der Entwaffnung von mehr als 100.000 Kämpfern zuzustimmen.
Die UNMIL bot auch technische und logistische Unterstützung im Demokratisierungsprozess, der 2005 zu friedlichen Wahlen führte. Das Mandat der UNMIL endete mit 30. März 2018.

Zipporah Musau und Kingsley Ighobor von Africa Renewal haben mit Opande über seine Erfahrungen bei der Leitung einer multinationalen Truppe in einer herausfordernden Zeit in Liberia gesprochen. Es folgen Auszüge aus dem Interview.

Africa Renewal: Können Sie die damalige Sicherheitslage in Liberia kurz beschreiben?

Daniel Opande: Ich kam am 1. Oktober 2003 von Sierra Leone nach Liberia. Für Sierra Leone war eine Friedensmission eingesetzt worden. Die Situation hatte sich normalisiert: Es gab eine funktionierende Regierung, und der Frieden war im ganzen Land wieder hergestellt.

Liberia war das Gegenteil davon: Es funktionierte nichts. Die Regierung war zusammengebrochen, es gab keine Sicherheitsvorkehrungen, das ganze Land war in Aufruhr. Die Menschen zogen von Ort zu Ort und suchten nach Sicherheit oder nach Nahrung. Die Situation war sehr schlecht.”

Angesichts der Situation in Liberia, die Sie gerade beschrieben haben: Wie zuversichtlich waren Sie dass die Mission Erfolg haben würde?

Das ist eine Frage, die oft gestellt wird, vor allem von Journalisten. Ich war fest entschlossen, die entsetzliche Sicherheitslage als oberste Priorität zu behandeln. Erst wenn die Sicherheit gewährleistet war, würden sich die Politiker mit den Fragen zur Politik, Wirtschaft und Regierungsführung befassen.

Wie konnten Sie die vielen “Generäle” der verschiedenen Kriegsparteien dazu bringen, den Frieden zu akzeptieren?

Ich begann mit dem, was wir in Sierra Leone getan hatten. Wir mussten die Anführer der verschiedenen Kriegsparteien erreichen. Anstatt also in Monrovia zu bleiben und darauf zu warten, kam ich Ihnen entgegen und traf sie in ihren Stützpunkten.

Ich hatte keine Angst, zu ihren Aufenthaltsorte zu fahren. Ich habe die “Generäle” und lokale Führer in Orten wie Ganta, Gbarnga, Buchanan und anderswo besucht. So konnte ich sicherstellen, dass sie meine Erwartungshaltung verstanden, um den Frieden und die Sicherheit im Land wiederherzustellen.

Es gibt einen Videoclip von Ihnen in einer Stadt, in der Sie von bewaffneten Rebellen umzingelt sind. Hatten Sie keine Angst?

Das war wahrscheinlich zu der Zeit, in der ich die gewaltsame Öffnung der Straße zwischen Monrovia und Buchanan beaufsichtigte, welche die Rebellen verbarrikadiert und blockiert hatten. Rebellen sind schwierig zu behandeln, sie sind sehr unberechenbar. Sie töten und begehen Grausamkeiten gegen Zivilisten und richten gelegentlich ihre Waffen auch gegen Friedenstruppen.

Eine Woche vor diesem Vorfall hatte ich den Rebellenführer gebeten, die Straße unverzüglich zu öffnen. Aber es wurde nicht beachtet. Also beschloss ich, selbst dorthin zu fahren und eine starke Botschaft zu senden: Die UNMIL-Friedenstruppe war fest entschlossen, dafür zu sorgen, dass der Frieden in das Land zurückkehrt. Es gibt Zeiten, in denen der Peacekeeping Commander mit gutem Beispiel vorangehen muss.

Glauben Sie, dass die starke Präsenz von UN-Truppen ein Faktor war, der die Abrüstung der Rebellen beeinflusst hat?

Als ich in Liberia eintraf, erwartete mich eine der größten UN-Friedensmissionen, die jemals eingesetzt worden war. Ich hoffte, dass wir aufgrund unserer enormen Mannstärke und der vorhandenen Ausrüstung in der Lage sein werden, die Sicherheitsherausforderungen zu bewältigen.

Ich war zuversichtlich, dass wir mit jeder Situation umgehen werden können, einschließlich der landesweiten Abrüstung. Innerhalb von sechs Monaten erhielt ich eine ausreichende Anzahl von Soldaten, die gut ausgebildet und motiviert waren, die anstehenden Aufgaben zu erledigen.

Was war Ihre größte Herausforderung während dieser Aufgabe?

Die schwierigste Herausforderung war, als ich in Monrovia landete. Die Stadt wurde von Rebellen und Ex-Regierungstruppen belagert, die randalierten, töteten, vergewaltigten und plünderten. Sie waren fest entschlossen, Chaos zu stiften, damit unsere Mission scheitern würde.

Wir hatten zu Beginn noch eine geringe Truppenstärke. Also entsandte ich die verfügbaren Soldaten in neuralgische Zonen von Monrovia, um die Stadt zu schützen und Chaos zu verhindern.

Der erste Abrüstungsversuch im Dezember 2003 scheiterte aber. Warum?

Ich hatte einen Plan ausgearbeitet, der Stützpunkte an Schlüsselstellen im ganzen Land vorsah. Aus meiner Erfahrung wusste ich, dass wir es vermeiden mussten, die Abrüstung ohne richtigen Plan zu beginnen.

Wenn Sie aber nicht über ausreichend Truppen verfügen, um den Prozess zu überwachen, kann die Abrüstung nicht erfolgreich verlaufen. Die Rebellen ziehen dann von einem Ort zum anderen, um dem Prozess zu entgehen.

Wie gelang es Ihnen, eine multinationale Truppe mit unterschiedlicher Ausrüstung und unterschiedlicher Motivation zu führen?

Es ist nicht leicht, Truppen anzuführen, die verschiedene Sprachen sprechen, unterschiedliche Ausrüstung benutzen und unterschiedliche Ethik- und Kommandostrukturen haben. Aber die Führungsethik erfordert, dass jeder an Bord gelangt und geschätzt wird.

Ich habe trotz aller Herausforderungen immer darauf bestanden, dass wir in der UNMIL eine kohärente Kommandostruktur schaffen. Wir alle haben unsere Rollen und Erwartungen verstanden.

Die UNMIL, die ihre Arbeit am 30. März 2018 beendete, ist eine der Erfolgsgeschichten der UNO. Welche Rolle spielten liberianische Frauen im Friedensprozess?

Wenn es in Liberia eine Gruppe gibt, zu deren Verdienste um den Frieden ich am meisten gratulieren muss, dann sind es die Frauen. Ich erinnere mich, dass ich täglich Tausende von Frauen auf einem offenen Feld in der Nähe des Flughafen Spriggs Payne sitzen sah, die beteten und darüber diskutierten, wie man effektiv einen dauerhaften Frieden für Liberia schaffen kann.

Sie wollten den damaligen Präsidenten Taylor mit ihrer Forderung konfrontieren, dass er dem Frieden eine Chance geben muss. Sie reisten den ganzen Weg nach Ghana, um die Führer der Konfliktparteien bei den Friedensverhaltungen von der Notwendigkeit eines Waffenstillstandsvertrags zu überzeugen.

Liberia hat kürzlich Präsidentschaftswahlen abgehalten, die von George Weah gewonnen wurden. Die Übergabe der Macht verlief friedlich. Warum hat der Frieden im Land angehalten?

Ich muss dem liberianischen Volk gratulieren. Während der Wahlen von 2005/2006 wählten sie eine Führung, die sich auf die Verbesserung von Wirtschaft, Sicherheit und guter Regierungsführung konzentrierte. Diese hat den Grundstein für Entwicklung und Stabilität gelegt.

Viele Familien in Liberia sollen ihre Kinder nach Ihnen benannt haben, weil sie Ihren Dienst dort sehr geschätzt haben. Welche Botschaft haben Sie für das liberianische Volk?

Ich bin demütig und möchte mich bei denen bedanken, die Kinder nach mir benannt haben. Ich möchte nicht behaupten, dass ich die Schlüsselrolle gespielt habe. Wir alle bei UNMIL haben dazu beigetragen, dass Liberia wieder auf die Beine kam.

Ich möchte aber an die Menschen in Liberia appellieren: Schaut nicht zurück und kehrt nicht zum Chaos zurück. Wenn es noch politische oder wirtschaftliche Probleme gibt, müssen die Regierung und das Volk diese mit Entschlossenheit bewältigen. Sie müssen dafür sorgen, dass liberianische Kinder ein stabiles Land und eine bessere Zukunft haben.

Wie empfinden Sie als einer der ersten Soldaten vor Ort den Erfolg von UNMIL?

Ich bin froh darüber, dass ich gesagt habe, dass die UNMIL die Herausforderungen bewältigen würde, mit denen sie während ihres Mandats konfrontiert war.

Ich bin auch froh, dass die Menschen in Liberia enorme Fortschritte bei der Genesung ihres Landes erzielt haben. Ich glaube, dass die Friedenstruppen eine wichtige Rolle dabei gespielt haben, den Menschen dabei zu helfen, die Errungenschaften der letzten zwei Jahrzehnte zu konsolidieren. (Ende)

*Zipporah Musau ist Chefredakteurin, Kingsley Ighobor Mitarbeiter unseres Partnermagazins Africa Renewal der Vereinten Nationen. Der englischsprachige Originalbeitrag ist erstmals in Ausgabe April-Juli 2018 (*.pdf) erschienen.

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