23.07.2019 — Nairobi (IPS/afr). Kenia wird immer heißer. Die Temperaturen sind in einigen Landesteilen bereits stärker als jene 1,5 Grad Celsius gestiegen, die seit der UN-Klimakonferenz in Paris als Klimaziel gelten. Die Erwärmung gefährdet die Existenz von Nutztieren und damit auch jener Menschen, die von ihnen leben.

Klimaforscher haben der kenianischen Regierung kürzlich die Ergebnisse ihrer Studie “Harnessing opportunities for climate resilient economic development in semi arid lands: Adaptation options in key sectors (with focus on livestock value chain)” vorgestellt. Darin wurde die Temperaturentwicklung in jenen 21 Counties des Landes untersucht, die arides oder semiarides Klima aufweisen. Kenia ist in insgesamt 47 Counties unterteilt.

Laut den Resultaten des Berichts haben sich die Temperaturen in allen 21 Verwaltungsregionen in den letzten 40 Jahren stark erhöht. In sechs Counties betrug der Temperaturanstieg aber bereits mehr als 1,5 Grad Celsius. Die betroffenen Counties sind:

  • West Pokot: +1,91 °C
  • Elgeyo-Marakwet: +1,91 °C
  • Turkana: +1,80 °C
  • Baringo: +1,80 °C
  • Narok: +1,75 °C
  • Laikipia: +1,59 °C

Die Studie wurde im Rahmen des Forschungsprojekts “Pathways to Resilience in Semi-Arid Economies” (PRISE) durchgeführt. Das auf fünf Jahre anberaumte Projekt wird vom kanadischen “International Development Research Centre” und vom britischen “Department for International Development” finanziert.

Dramatischer Rückgang des Viehbestands

Die Resultate zeigen deutlich, dass die Menschen bereits die Auswirkungen der erhöhten Temperaturen zu spüren bekommen. “In allen 21 Counties haben wir zwischen 1977 und 2016 einen Rückgang des Viehbestands um 25,2 Prozent beobachtet”, sagt Studienleiter Mohammed Yahya Said. “Der Rückgang hängt direkt mit der erhöhten Temperatur zusammen2.

Die größten Verluste wurden dabei im Turkana County im Nordwesten des Landes verzeichnet. Hier ging der Viehbestand zwischen 1977 und 2016 um fast 60 Prozent zurück.

Die Ergebnisse würde ihnen sehr beunruhigen, ergänzt Said. Insbesondere die Hirten, deren Lebensgrundlage vom Vieh abhängt, sind in ihrer Existenz bedroht. Eunice Marima ist Viehhüterin im Narok County. Sie bestätigt, dass es in den letzten 40 Jahren in Folge von Dürren immer wieder zu enormen Viehverlusten gekommen war. In den Dürren von 1984 und 1994 verendeten insgesamt 298 ihrer Tiere.

Strategien zur Anpassung

“Ich habe aber meine Lektion gelernt”, erzählt Marima. “Ich bestelle 90 Acre Land (36,4 Hektar, Anm.). Wenn es regnet, pflanze ich Boma-Rhodes-Gras.” Mit dem aus der dürreresistenten Pflanze gewonnenen Heu kann sie ihre Tiere während der Trockenzeiten füttern. “Das ist meine Methode der Anpassung”, sagt sie, “bei der Dürre von 2017 habe ich kein Tier mehr verloren.”

Die Studie zeigt aber noch andere Möglichkeiten zur Anpassung an die Klimaerwärmung gibt. Während die Anzahl von Rindern in den letzten 40 Jahren stark zurückging, wuchsen die Bestände an Ziegen und Schafen um 76,4 Prozent und jene von Kamelen um 13,1 Prozent.

“Der Klimawandel ist bereits im Gange und die Forschung zeigt, dass es Möglichkeiten zur Anpassung gibt”, sagte Dr. Olufunso Somorin von der “African Development Bank” (AfDB) bei der Präsentation der Studie in Nairobi. “Allerdings haben Länder solche wichtigen Daten bislang für die Entwicklung von Richtlinien und Strategien verwendet, die niemals umgesetzt wurden.”

Somorin forderte die kenianische Regierung auf, die neuen Daten für das Wohlergehen der Bevölkerung in den betroffenen Regionen einzusetzen.

In der Krise liegen auch Chancen

Die Studienautoren halten fest, dass Kenia relativ einfach zu einem Nettoexporteur von Vieh und Fleisch werden könne. Die vorliegenden Informationen müssten dafür genutzt werden, um an der richtigen Stelle zu investieren.

Kenia ist bereits heute der fünftgrößte Fleischproduzent in Afrika. Während der Dürreperioden hat das Land aber Millionen von Tieren verloren – als Folge bleibt Kenia auf Importe aus Äthiopien, Eritrea, Tansania und Somalia angewiesen.

“Fast alle Hirten halten Vieh als Hobby und als Symbol für Wohlstand”, meint die Viehhüterin Marima. “Wenn es zur Dürre kommt, verlieren sie eine Vielzahl ihrer Tiere. Es ist an der Zeit, dass wir uns der Realität stellen.”

Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius als Klimaziel

Während der UN-Klimakonferenz im Jahr 2015 haben sich alle Länder darauf geeinigt, “den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf deutlich unter 2 °C über dem vorindustriellen Niveau zu halten und weitere Anstrengungen zu unternehmen, um den Temperaturanstieg auf 1,5 °C zu begrenzen.”

2018 veröffentlichte der Weltklimarat (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) einen Sonderbericht. Dieser hielt fest, dass die Beschränkung auf einen Temperaturanstieg von 1,5 Grad Celsius sowohl erreichbar als auch leistbar sei.

Gleichzeitig warnte der Bericht, dass die gegenwärtige Klimapolitik zu einem Temperaturanstieg von mehr als drei Grad führend werde. Dies könnte dramatische Kippeffekte zur Folge haben, die zu einem “Treibhaus Erde” führen könnten. Ohne rasches Umsteuern und rapider Senkung der Treibhausgasemissionen würde sich die Erde schon gegen 2040 um 1,5 Grad Celsius erwärmen.

In sechs kenianischen Counties ist bereits heute soweit. (Ende)

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