03.06.2016 — Juba/Salzburg. Laut Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) wird das Bruttoinlandsprodukt des Südsudan dieses Jahr um 7,8 Prozent schrumpfen. Die Hauptschuld an der ökonomischen Misere tragen der blutige Bürgerkrieg und die hohe Abhängigkeit von Erdöl. Die Regierung hat nun die zwölf Millionen Einwohner aufgerufen, verstärkt Landwirtschaft zu betreiben.

Anfang des Jahres ist der Preis von einem Barrel Rohöl auf unter 30 US-Dollar gefallen. Und auch wenn sich in der Zwischenzeit der Ölpreis wieder etwas erholt hat, sind die erdölfördernden Volkswirtschaften in Afrika stark unter Druck geraten. Besonders drastisch ist die Situation im Südsudan: Das Land verzeichnet laut dem Länder-Informations-Portal der GIZ weltweit die höchste Abhängigkeit von Erdöl.

In den ersten beiden Jahren nach der Unabhängigkeit 2011 hat das Land fast 245.000 Barrel Rohöl pro Tag produziert. Das Ergebnis waren Einnahmen in Milliarden-Höhe: Die Erlöse haben bis zu 98% des Staatshaushalts bestritten. Die politische Elite sah in den Rekordjahren keinen Grund, in die arbeitsintensive Landwirtschaft zu investieren. Die Versorgung mit Ararprodukten aus eigenem Anbau wurde vernachlässigt, stattdessen wurden die benötigen Nahrungsmitteln einfach importiert.

Enorme Ausgaben für Lebensmittel-Importe

Und so kommen heute die Hühner aus Brasilien. Bohnen, Tomaten, Zwiebeln, Maismehl, Speiseöl und Milchprodukte stammen zumeist aus den benachbarten Ländern wie Kenia, Uganda oder dem Sudan. Allein an Nahrungsmittelimporten gibt der Südsudan laut Schätzungen der Afrikanischen Entwicklungsbank (AfDB) zwischen 200 und 300 Millionen US-Dollar pro Jahr aus. Der Importanteil bei Lebensmitteln beträgt rund 50 Prozent.

Verschärft wurde die Situation durch den verheerenden Bürgerkrieg, der im Dezember 2013 ausbrach. Von dem blutigen Konflikt wurden auch auf die Öl-produzierenden Bundesstaaten Jonglei, Unity und Upper Nile erfasst. Die Kämpfe führten dazu, dass Hunderttausende Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen waren. Nach dem Friedensabkommen vom August 2015 wurde der Rebellenführer Riek Machar am 26. April 2016 als Vizepräsident angelobt. Laut UN-Angaben hat der Bürgerkrieg bislang 50.000 Menschen das Leben gekostet, über zwei Millionen wurden vertrieben.

Der Bürgerkrieg und der Verfall der Erdölpreise haben schonungslos die Schwachstellen des wirtschaftlichen Systems offenbart. In der Regierung setzte ein Umdenkprozess ein, die Förderung der Landwirtschaft hat hohe Priorität erhalten. Im Rahmen einer öffentlichkeitswirksamen Aktion verschenkte Präsident Salva Kiir im letzten Jahr 1.000 Traktoren an Bauern im ganzen Land. Außerdem installierte Kiir einen Rat für Ernährungssicherheit, dem er selbst vorsitzt. “Ich bin fest entschlossen, den Hunger und die Unterernährung in der Republik Südsudan zu beenden”, erklärte Kiir anlässlich der feierlichen Übergabe der Traktoren.

Lockruf für Bauern aus den Nachbarstaaten

Die Voraussetzungen für eine erfolgreiche Agrarwirtschaft im Südsudan scheinen jedenfalls gegeben. 75 Prozent der Flächen kommen für die landwirtschaftliche Nutzung in Frage. Außerdem gibt am Weißen Nil mit seinen Sümpfen und Nebenflüssen ausreichend Fisch. Auf 300.000 Tonnen Fisch jährlich schätzen Experten das Potential.

Durch den am 2. März 2016 erfolgten Beitritt des Südsudan zur Ostafrikanischen Gemeinschaft (EAC) erhofft sich Juba weitere Impulse für die Landwirtschaft. Die EAC umfasst neben dem Südsudan die Staaten Kenia, Uganda, Tansania, Burundi und Ruanda. Die Gesamteinwohnerzahl der Wirtschaftsgemeinschaft beträgt mehr als 157 Millionen Menschen.

Die Regierung möchte nun auch Bauern aus der EAC-Region dazu gewinnen, Felder im Südsudan zu bestellen. “Dies würde sowohl Transportkosten senken und damit Lebensmittel billiger machen”, meint der Zweite Vizepräsident des Landes, James Wani Igga.

Tatsächlich sind die hohen Lebensmittelpreise ein Hauptproblem für die großteils armen Menschen. Die Weltbank schätzt, dass im Südsudan fast 60 Prozent der Bevölkerung unter der internationalen Armutsgrenze von aktuell 1,90 US-Dollar pro Tag leben. (afr/IPS)

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