31.05.2016 — Blantyre. Es ist Samstag und Markttag in Bvumbwe im Bezirk Thyolo im südlichen Malawi. Etwa 40 Kilometer entfernt bereitet sich Esnart Nthawa (35) auf ihren langen Weg zum Markt vor. Nthawa ist Gemüsehändlerin und Mutter von fünf Kindern. Sie ist bereits um 3:00 Uhr aufgestanden, um es rechtzeitig nach Bvumbwe zu schaffen.

Bereits am Tag zuvor hat Nthawa bei den Bauern in ihrem Dorf Tomaten und Okra gekauft und sie sicher in ihrem Dengu – einem gewebten Korb – verstaut. Jetzt wartet sie ein auf Fahrrad, das sie und ihre Waren zum Busbahnhof transportiert. Von dort geht es mit einem Minibus weiter nach Bvumbwe.

Wie andere Frauen in ihrem Dorf nimmt Nthawa den beschwerlichen Weg in Kauf, weil sie keine andere Wahl hat. “Wenn ich das nicht tue, werden meine Kinder leiden. Während ich hier mit Ihnen rede, warten meine Kinder auf Essen”, sagt die 35-Jährige im Gespräch mit IPS.

Die Kost, die ihre Kinder zu erwarten haben, wird allerdings spärlich sein. Nthawa wird auf dem Markt eine Schale Mais kaufen und diesen zu Mehl mahlen lassen. Daraus bereitet sie Nsima zu – der Getreidebrei ist ein Grundnahrungsmittel in Malawi. “Das ist die einzige Mahlzeit, die meine Kinder heute bekommen werden”, meint Nthawa.

El Niño hat die Ernte ruiniert

Nthawa und ihre Familie sind von der schlechten Ernte in Folge des Klimaphänomens El Niño betroffen. “Wir haben nur zwei Säcke Mais geerntet, weil die Wetterbedingungen so schlecht waren. Jetzt sind die Vorräte zu Ende. Wir leben von Tag zu Tag und essen, was wir in die Finger kriegen.”

Nthawas Geschichte ist leider kein Einzelfall. Die Hälfte der über 16 Millionen Einwohner des Landes ist von schweren Ernteeinbußen betroffen. George Chaponda, Minister für Landwirtschaft, Bewässerung und Wasserentwicklung, sagte am 25. Mai im Parlament, dass 8,4 Millionen seiner Landsleute auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind.

Zur Bewältigung der Krise kündigte Chaponda den Import von einer Million Tonnen weißen Mais an. Die zuständigen Behörden rechnen damit, dass mindestens 1.290.000 Tonnen Mais benötigt werden, um die Nahrungsmittelkrise zu meistern. Die Regierung will auch die Bewässerung von Farmen investieren, um die Maisproduktion zu erhöhen. Dafür werden 18 Millionen US-Dollar benötigt.

Die Situation wird auch die rapide Entwertung der Landeswährung Kwacha verschärft. Der Preis für einen Sack Mais, der normalerweise für sieben US-Dollar verkauft wird, liegt gegenwärtig bei 15 US-Dollar. Durch die Teuerung sind arme Bauernfamilien gezwungen, die Anzahl der Mahlzeiten zu reduzieren oder ihr Eigentum zu verkaufen.

Zahl an unterernährten Kindern verdoppelt

Wie in solchen Krisen häufig üblich, sind Kinder am härtesten betroffen. Laut Zahlen des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen (UNICEF) hat sich die Zahl an Kindern, die an schwerer akuter Mangelernährung leiden, zwischen Dezember 2015 und Jänner 2016 auf 4.300 Fälle verdoppelt.

Die Kinderärztin Queen Dube, der am Queen Elizabeth Central Hospital in Blantyre seinen Dienst versieht, bestätigt die drastische Zunahme von akut mangelernährten Kindern:  “Im Moment versorgen wir 15 Kinder auf der Station, die an Marasmus oder Kwashiorkor oder an einer Kombination der beiden Krankheiten leiden. Diese Kinder haben stark mit Durchfällen zu kämpfen.”

Damit die jungen Patienten wieder zu Kräften kommen, erhalten sie eine spezielle Ernährung mit Milch und einer besonders nährstoffreichen Erdnussbutter, die Chiponde genannt wird.  “Darüber hinaus unterweisen wir Mütter und andere Betreuungspersonen, wie sie auch mit sehr wenig Lebensmitteln nahrhafte Mahlzeiten für ihre Kindern zubereiten können”, sagt Dube.

Vielfalt in der Landwirtschaft gefordert

Aktivisten fordern indes, dass die Regierung für mehr Vielfalt im Anbau sorgt. Billy Mayaya, Vorsitzender der Initiative ‘Right to Food Network’, sagt: “Es gibt eine übermäßige Abhängigkeit von Mais.“ Die Regierung sollte sich daher wieder auf die eigene Green Belt Initiative besinnen, die eine ausreichende Ernährung auch bei ausbleibendem Regen sicherstellen wollte.”

In seiner Rede zur Lage der Nation am 20. Mai sagte Präsident Mutharika, dass die Green Belt Initiative immer noch eine hohe Priorität genieße und die Produktion von hochwertigen Kulturpflanzen wie Zuckerrohr, Reis, Bananen und Mangos erhöht werden soll. Außerdem soll die Tabakindustrie wieder angekurbelt werden, die als Hauptdevisenbringer des südostafrikanischen Staates gilt.

Bis das Vorhaben greift, bleibt Malawi allerdings auf internationale Hilfe angewiesen. Im Februar hat sich der Präsident mit einem entsprechenden Aufruf an die internationale Gemeinschaft gewandt. Bislang wurden mehr als 170 Millionen US-Dollar für Notmaßnahmen zur Verfügung gestellt, u. a. von den USA, Großbritannien, Japan und der Weltbank.

Unterdessen geht der tägliche Kampf ums Überleben für arme malawische Familien weiter. Die Kinder von Esnart Nthawa müssen immer noch mit einer Mahlzeit pro Tag auskommen, während die Mächtigen beim noblen Abendessen in teuren Hotels über die Krise beraten. (afr/IPS)

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