19.10.2016 — London/Salzburg (IPS). Eine neue Studie räumt mit der Vorstellung auf, dass die Religion bei der Rekrutierung von Mitgliedern für radikal-islamische Gruppierungen die Hauptrolle spielt. Die Studienautoren Anneli Botha und Mahdi Abile zeigen am Beispiel von Boko Haram in Nigeria, dass der Anwerbungsprozess bei weitem komplexer ist.

Für die Studie Getting behind the profiles of Boko Haram members and factors contributing to radicalisation versus working towards peace (*.pdf) wurden 119 ehemalige Boko-Haram-Kämpfer befragt. Die Interviews wurden im Dezember 2015 in den Städten Yola im Osten und Maiduguri im Nordosten des Landes durchgeführt. Die Untersuchung wurde vom finnischen Außenministerium unterstützt und wird von Experten als wegweisend beurteilt.

Neben Al-Shabaab in Somalia ist Boko Haram in Nigeria die bekannteste radikal-islamische Gruppierung in Afrika. Die terroristische Vereinigung wendet sich gegen alles, was mit der westlichen Gesellschaft zu tun hat. Ihre militärischen Aktionen zielen darauf ab, Nigeria von “Ungläubigen” zu befreien.

Große internationale Beachtung erhielten die Extremisten, als sie im April 2014 in Chibok im nördlichen Bundesstaat Borno 276 Schülerinnen entführten. Heute gelten immer noch 179 Mädchen vermisst.

Grausamkeiten der Armee als Hauptmotiv

Die Studienautoren Anneli Botha und Mahdi Abile versuchten herauszufinden, warum sich Menschen in Nigeria Boko Haram anschließen. “Bis zu den Terroranschlägen von 9. September 2001 fand die Rekrutierung vor allem in Moscheen und Koranschulen statt”, sagt Abile. “Heute hat sich die Situation komplett verändert.” Nur 27 Prozent der befragten Ex-Kämpfer von Boko Haram wurden in Gebetsräumen oder im Unterricht rekrutiert.

Ko-Autorin Anneli Botha verweist darauf, dass die Gründe für eine Beteiligung bei der terroristischen Gruppierung meist stark vereinfacht dargestellt werden: “Es ist leicht, die Schuld auf die Religion zu schieben, ohne tiefer in das Thema einzutauchen. Die empirische Forschung hat aber gezeigt, dass dahinter ein komplexer Rekrutierungsprozess steht, den wir als globale Gemeinschaft anerkennen und akzeptieren müssen.”

Die Untersuchung zeigt, dass 60 Prozent der ehemaligen Kämpfer von der eigenen Familie oder Freunden mit der Terrorvereinigung in Kontakt gebracht wurden. Der wichtigste Rekrutierungsgrund war für 57 Prozent die Sehnsucht nach Vergeltung gegenüber dem Militär, das als brutal, gnadenlos und unbarmherzig beschrieben wird. “Die Angst vor militärischen Aktionen treibt viele Menschen in die Hände von Boko Haram”, erklärt Anneli Botha.

Zwar zeigt die Studie, dass für 43 Prozent der befragten Ex-Kämpfer religiöse Gründe ausschlaggebend waren. Allerdings wurden die religiös-motivierten Rekruten von anderen ehemaligen Boko-Haram-Mitgliedern als “verletzlich” und “nicht vertraut mit den wahren Lehren des Koran” charakterisiert.

Frauen mit Führungsaufgaben

Überraschende Ergebnisse förderte die Studie auch hinsichtlich der Beteiligung von Frauen zutage. Der weibliche Anteil bei Boko Haram dürfte bei etwa zehn Prozent liegen. “Die von uns befragten Frauen gaben an, dass sie oft mehr als reine Basisdienste ableisteten”, sagt Botha. “Sie arbeiteten beim Geheimdienst und waren in der Ausbildung von Rekruten beteiligt. Einige Frauen waren sogar als Sprengstoffexpertinnen tätig.”

Nach ihrem Ausscheiden aus Boko Haram gelingt nur wenigen Ex-Kämpferinnen die Reintegration in die Gesellschaft. Obwohl die meisten Frauen unfreiwillig bei der Terrorgruppe aktiv waren, werden sie nach ihrer Rückkehr häufig für die Grausamkeiten von Boko Haram verantwortlich gemacht und als “schreckliche Erinnerungen” gebrandmarkt.

Noch schlimmer trifft es die Kinder, die von den Frauen während ihrer Zeit bei Boko Haram geboren wurden: Häufig werden sie von der Gemeinschaft als “grausame Manifestion” der Extremistengruppierung betrachtet und in der Folge ausgegrenzt und schikaniert: “Die Gesellschaft versagt dabei, die Frauen und Kinder als Opfer anzuerkennen”, sagt Botha.

Die Wissenschaftlerin fordert daher für die ehemaligen Kämpferinnen und ihre Kinder einen umfassenden Reintegrationsprozess. Nur die Entdämonisierung ihrer früheren Taten könne ermöglichen, dass sie sich wieder in der Gesellschaft willkommen und akzeptiert fühlen. (Ende)

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